Einleitende Worte

(Foto © Michael Paech)

Ulrich Dillmann, Leiter der Volkshochschule Weimar

Politische Bildungsarbeit

Liebe Freundinnen und Freunde der Volkshochschulen,

zum besonderen Profil der Volkshochschulen gehört die enge Zusammenarbeit mit Kulturschaffenden, Kulturinstituten, Bibliotheken oder soziokulturellen Zentren. Auch darüber ermöglichen wir Interessierten die Teilhabe an Bildung, Kultur, öffentlichem Leben und an einer reflektierten Auseinandersetzung.

Geradezu typisch hierfür erscheint mir unsere Ausstellung »Jecheskiel David Kirszenbaum – Karikaturen eines Bauhäuslers zur Weimarer Republik«. Was als kleine Idee im Gespräch entstand, entwickelte sich zu einem internationalen Projekt. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen und das Engagement aller Beteiligten sorgen dafür, dass wir in der Volkshochschule Weimar sowie an über dreißig Volkshochschulen und in Einrichtungen in Paris und Berlin diese Ausstellung zeigen werden, deren Exponate an Aktualität über die Jahrzehnte nicht verloren haben.

Die Korruption in Finanzwirtschaft und Politik, die Stellung der Frau, die Gefährdung der Demokratie, der Antisemitismus – Themen, die aus tagesaktuellen Nachrichten kommen könnten. Jecheskiel David Kirszenbaum hat weitsichtig, klug und mit einem Schuss Humor die Weimarer Republik karikiert, ohne ins Oberflächliche zu verfallen. Er hat Entwicklungen vorhergesehen und gewarnt – so, wie es heute wieder vonnöten ist. Kirszenbaums Blick auf die krisengeplagte Weimarer Republik und sein tragischer Lebensweg belegen, dass er gesellschaftspolitische Umwälzungen wachsam einordnete – mit erstaunlichen Parallelen zu unserer heutigen Zeit.

Ich wünsche Ihnen erheiternde Eindrücke und nachdenkliche Einblicke in die Welt, die Jecheskiel David Kirszenbaum uns hinterlassen hat – sei es vor Ort oder im Internet.

Herzlichst,

Ihr

Ulrich Dillmann

Leiter des Jugend-, Kultur- und Bildungszentrums Volkshochschule / mon ami

(Foto © Felix Rettberg)

Dr. Wolf Iro, Leiter der Kulturabteilung des Goethe-Institutes

Ein paar Überlegungen zu
J. D. Kirszenbaum

Um über J. D. Kirszenbaum zu sprechen, muss ich über Nathan Diament sprechen. Denn zumindest in meinem Denken ist Kirszenbaum auf untrennbare Weise mit Nathan verbunden.

Ich erinnere mich noch genau, wie Nathan und ich uns das erste Mal trafen, es war in Tel Aviv im Goethe-Institut, dessen Leitung ich damals innehatte, ich war sofort eingenommen von Nathans Freundlichkeit, seiner Wärme, seinem unvergleichlichen Humor. Wir sprachen über Israel und über Deutschland, über die Geschichte seines eigenen Überlebens und über menschliche Größe, und schließlich sprachen wir auch über Kunst. Es stellte sich heraus, dass Nathan sich schon seit etlichen Jahren mit wachsendem Erfolg für die Rehabilitation seines in Vergessenheit geratenen Großonkels, des jüdischen Malers Kirszenbaum, einsetzte. Hierzu hatte Nathan keine Mühen gescheut, war als älterer Herr, der von Berufs wegen nichts mit Kunst zu tun hatte, zum Studenten der Kunstwissenschaft geworden, hatte in Archiven gegraben und war quer durch Europa den Spuren seines 1954 gestorbenen Verwandten gefolgt. Zum Zeitpunkt unseres Zusammentreffens war es Nathan bereits gelungen, das Interesse verschiedener renommierter Institutionen für Kirszenbaums Oeuvre zu erregen, eine Ausstellung in dem wunderbaren Museum En Harod im Norden Israels und im Bet Hatfutsot in Tel Aviv wie auch sich anbahnende Kooperationen mit Einrichtungen in Frankreich und anderswo waren erste greifbare Ergebnisse. Wir vereinbarten, dass das Goethe-Institut sich um die Organisation junger Freiwilliger aus Deutschland kümmern würde, die Nathan bei seinen Plänen unterstützen würden. Denn Pläne hatte Nathan zuhauf. Ein Meilenstein war sicherlich die erste Ausstellung von Werken J. D. Kirszenbaums in Deutschland seit über 80 Jahren, und zwar im Museum für verfolgte Künste in Solingen im Jahr 2018, welche einen Einblick in die Breite von Kirszenbaums Schaffen gewährte. Womit wir nun auch bei dem Künstler und der Kunst selbst angelangt sind.

Leonardo da Vinci bemerkte einmal, dass „geniale Menschen große Werke beginnen, fleißige Menschen sie vollenden.“ Man muss keinem romantischen Geniekult huldigen, um die Richtigkeit dieser Aussage zu würdigen. Durch die gesamte Kunstgeschichte hindurch gibt es Innovatoren, die neue Ausdrucksmöglichkeiten erspüren, und Adepten, die diese neu eröffneten Möglichkeiten anwenden, ausloten oder – in Leonardos Worten – vollenden. Eine so überraschende wie zwingende Konsequenz hieraus ist, dass das historische Gesicht einer Epoche sich zum Teil ungleich besser im Werk von Adepten ablesen lässt als in dem der Innovatoren (die ihre Zeit notwendigerweise immer auch transzendieren). Versierte Adepten hingegen sind im besten Sinne des Wortes auf der Höhe ihrer Zeit. So auch J. D. Kirszenbaum. Mit 20 Jahren aus dem polnischen Staszów nach Deutschland gekommen, sog er die dominierenden künstlerischen Einflüsse seiner Zeit (Expressionismus, Kubismus, Konstruktivismus) wie ein Schwamm auf, wobei er sie thematisch mit seinen Erfahrungen aus dem jüdischen Schtetl verknüpfte. Geige spielende Musiker, den Talmud studierende Rabbiner, aber auch Ziegen, Hähne und andere Tiere in kubistischer Manier aufzulösen hieß für den jungen Künstler auch: Modernität und Tradition miteinander in Harmonie bringen. Andere Graphiken aus dieser Phase, unter anderem die mit dem Pseudonym Duwdiwani (hebr. für Kirschenbaum) gezeichneten und in verschiedenen Zeitungen und Journalen erschienenen Karikaturen, welche ihm einen Lebensunterhalt garantierten, weisen ihn als gelehrigen Schüler der Neuen Sachlichkeit aus (allerdings ohne die Aggressivität eines G. Grosz oder O. Dix auszuleben). Interessant ist dabei, wie weit der Inhalt dieser Zeichnungen – zugespitzte Szenen aus dem modernen Großstadtmilieu – von dem Schtetl-Leben entfernt ist.

1933 flieht Kirszenbaum vor den Nazis nach Paris, wo er zunächst eine Zeit besonderer Schaffenskraft erlebt. Er setzt sich intensiv mit der dort versammelten künstlerischen Elite wie Matisse, Chagall, Picasso, Rouault, Juan Gris oder Soutine auseinander. Caroline Goldberg Ira macht in einem Artikel über Kirszenbaum die treffende Beobachtung, dass die Anziehung, welche diese Kollegen auf ihn ausübten, sich aus zwei gänzlich verschiedenen Quellen speiste. Neben künstlerischen Aspekten spielte in gleichem Maße eine Rolle, dass viele dieser Maler selbst aus ihren Herkunftsländern geflohen waren und ein neues Zuhause für sich in Paris gefunden hatten. Es entstanden geistige Nähe und Freundschaften. Unter ihrem Eindruck gewinnen Kirszenbaums Bilder an Farbkraft, werden expressiver.

Mit dem deutschen Einmarsch in Frankreich endet diese Phase im Leben des Künstlers. Sein Atelier wird zerstört, seine Frau Helena verhaftet und deportiert, er selbst in verschiedenen Lagern in Südfrankreich interniert. Es existieren noch Postkarten des Malers an seine Frau, welche später in Auschwitz umgebracht werden wird – bewegende Zeugnisse der Verbundenheit und Not. Jüdisch-historische und religiöse Motive rücken im Werk des Malers noch mehr in den Vordergrund.

Das Ende des Krieges lässt J.D. Kirszenbaum als psychisches Wrack und ohne materielle Perspektive zurück. Die in dieser Zeit entstandenen Werke sind bewegende Verarbeitungen des Schicksals der europäischen Juden und tragen Titel wie „Exodus einer Mutter mit ihren zwei Kindern“, „Meine Tränen werden zu einem Fluss“ oder „Hiob oder Ein Mann in Not“. Zu Kirszenbaums Rettung trägt seine Verbindung zu der Mäzenin Alix de Rothschild bei. Diese ermöglicht ihm Reisen nach Brasilien und Marokko. Die Arbeiten aus dieser allerletzten Schaffensperiode zeigen einen anderen Künstler, thematisch, stilistisch wie auch in der Wahl der Farben. So stößt man auf stilisierte karnevaleske Masken in leuchtenden Couleurs, aber auch auf Versuche in Abstraktion. Doch es fällt schwer, in diesen Arbeiten nicht auch das verzweifelte Bemühen eines Künstlers zu sehen, vor den Erinnerungen an das Grauen der Vergangenheit zu fliehen. Die Grenzen dieser Flucht benennt Kirszenbaum dabei ebenfalls. So zeigt das Bild „Sant Jean Festival, Sao Paulo“ aus dem Jahre 1952 eine ausgelassen feiernde Menschenmenge und in die Luft aufsteigende Ballons. Das Liebespaar im Vordergrund aber bleibt seltsam ernst. In einer anderen Arbeit, „Brasilianischer Junge mit Luftballon“, nimmt der titelgebende Ballon fast die Hälfte des Bildes ein und erscheint als fratzenhafte Maske, nicht spielerisch, sondern furchterregend.

Auch seine früheren Stationen im Leben scheint sich Kirszenbaum noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Die verschiedenfarbigen Fische auf einem 1954 entstandenen Bild sind eine Remineszenz an den berühmten „Goldenen Fisch“ seines Lehrers Paul Klee, den Kirszenbaum während seiner Zeit am Bauhaus traf. Mich selbst allerdings erinnern sie immer an Nathan, der mir dieses Bild zu meinem Abschied aus Israel schenkte.

Dr. Wolf Iro, Goethe-Institut, München 2021

(Foto © Felix Rettberg)

Nathan Diament, Großneffe Kirszenbaums

Jecheskiel David Kirszenbaum – ein Künstler der Generation der Shoah

In den vergangenen 18 Jahren habe ich mich bemüht, die Werke meines Großonkels, des Malers Jecheskiel David Kirszenbaum, vor dem Vergessen zu bewahren und wiederzubeleben. Diese Werke beinhalten auch seine Arbeiten als Karikaturist, die er mit »Duwdiwani« signierte.
Wie J. D. Kirszenbaum gehört auch meine Familie zur Generation der Shoah. Meine Eltern, meine Brüder und ich sind Überlebende aus Belgien, gerettet von drei großartigen belgischen christlichen Familien, die schließlich alle in Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt wurden.
Fast die gesamte aus Staszów im südlichen Polen stammende Familie meiner Mutter hingegen kam in den Vernichtungslagern Bełzec, Treblinka und Majdanek um.
Als wir aufwuchsen, waren wir von Familienporträts und Gemälden des Onkels meiner Mutter umgeben. Diese Bilder Kirszenbaums beschreiben das tägliche Leben in dem kleinen polnischen Dorf, in dem meine Mutter und er geboren wurden.
Als Sohn polnischer chassidischer Eltern emigrierte J. D. Kirszenbaum 1920 nach Deutschland und hoffte, eine neue Heimat zu finden. Ab 1923 studierte er am Staatlichen Bauhaus in Weimar. Seine Lehrer waren künstlerische Größen wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lionel Feininger. Wenige Jahre später, 1925, zog Kirszenbaum nach Berlin und fand Zugang zu der dort blühenden Kunstwelt. 1933 musste er gemeinsam mit seiner Ehefrau vor den Nazis nach Paris fliehen, große Teile seines bis dahin geschaffenen Werkes blieb in Berlin. Kirszenbaum schaffte einen Neuanfang und hatte das Glück, in Frankreich Teil der Pariser Schule zu sein. Er war auf dem besten Weg, sich in der »Stadt der Lichter« einen Namen zu machen – bis zum Einmarsch der Deutschen. In der Folgezeit wurden fast alle seine Werke entweder gestohlen oder bei verschiedenen Überfällen auf sein Atelier zerstört.
Ich habe Jahre mit Recherchen verbracht, habe Informationen über das Leben und das Werk meines Großonkels Jecheskiel David Kirszenbaum gesucht und gesammelt. Seine Arbeiten spiegeln die Wirren des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in Europa wider. Die Vielfalt und Tiefe seines Schaffens verlangen die Wiederherstellung seines künstlerischen Vermächtnisses.


Nathan Diament, Tel Aviv, Juni 2021

(Foto © Michael Paech)

Dr. Bernhard Post, Kurator

»Scharfe Würze« – Kirszenbaum als Karikaturist

Das Leben von Jecheskiel David Kirszenbaum war geprägt durch mehrere elementare Brüche und den Notwendigkeiten radikaler Neuanfänge: Im Jahr 1920 vom jüdischen Schtetl im russisch besetzten Polen in die Bergbau-Metropole Duisburg, von dort 1923 zum Studium ans Bauhaus nach Weimar, dann das pulsierende Leben im Berlin der Zwanzigerjahre und 1933 die von den Nazis erzwungene Emigration nach Paris – und schließlich der Holocaust und die Notwendigkeit, das Erlebte und Erlittene als Mensch wie als Künstler verarbeiten zu müssen: die Ermordung der Ehefrau, von Familienmitgliedern und engen Freunden. Zweimal musste Kirszenbaum zudem den vollständigen Verlust seiner künstlerischen Arbeiten erfahren. Es nötigt Bewunderung ab, dass er all diese Brüche verarbeitete und ihm nicht nur Neuanfänge unter verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen gelangen, sondern er sich darüber hinaus immer wieder Anerkennung erarbeitete.

Für seine künstlerische Arbeit waren das Judentum und besonders seine Erinnerungen an das Leben im Schtetl stets zentrale Themen. Mehrfach wurde er von Rezensenten in einem Atemzug mit Marc Chagall (1887 – 1985) genannt. Daneben setzte er sich intensiv mit den Spielarten der Formensprache des Expressionismus auseinander und Wassily Kandinsky (1866 – 1944) hätte sich Kirszenbaum sogar als Meister am Bauhaus in Dessau vorstellen können.

Wiederum als ein ganz anderer Künstler tritt uns Kirszenbaum in seiner Arbeit als Karikaturist zwischen 1925 und 1933 entgegen, die zentrales Thema dieser Ausstellung ist. Der als staatenlos geltende Pole jüdischer Herkunft wird in Berlin in dieser Zeit zum aufmerksamen Beobachter der jungen Demokratie in Deutschland. Da Kirszenbaum dies offensichtlich klar getrennt von seiner Arbeit als Maler wissen wollte, signierte er die Karikaturen mit dem Pseudonym »Duwdiwani« (hebräisch für »Kirschenbaum«).

Und wie diese Karikaturen beweisen, hat der junge Mann von 25 Jahren das pulsierende Leben in der Metropole Berlin der Zwanzigerjahre mit seinen Licht- und Schattenseiten intensiv beobachtet und mitgelebt. Derzeit zeigt die erfolgreiche TV-Serie »Babylon Berlin« diese besondere Atmosphäre auf anschauliche Weise.

Kirszenbaum verkehrte in Berlin in den Kreisen ebenso wichtiger wie politisch aktiver Künstlerinnen und Künstler. Wie George Grosz (1893 – 1959), John Heartfield (1891 – 1968) oder der Bauhausmeister László Moholy-Nagy (1895 – 1946) gehörte Kirszenbaum der 1928 gegründeten »Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands«, kurz ASSO (ARBKD) an. Eine Einzelausstellung Kirszenbaums zeigte Herwarth Walden (1878 – 1941) bereits 1927 in seiner Galerie »Der Sturm« im Berliner Tiergartenviertel. Eine weitere Einzelausstellung hatte er 1931 in der Galerie Weber in der Derfflingerstraße. Werke von ihm werden 1929 und 1931 bei den Jahresausstellungen der im Revolutionsjahr 1918 gegründeten Künstlervereinigung »Novembergruppe« gezeigt.

Aber auch das sonstige kulturelle Leben beobachtete er aufmerksam: Populäre Schlager, aktuelle Kinofilme wie »Der blaue Engel« oder das Selbstverständnis von Revue-Stars werden in seinen Karikaturen thematisiert. Da seine spätere Ehefrau Helma Helene Joachim (1904 – 1944) für die »Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger« (GDBA) arbeitete, ist von vielfältigen Kontakten zu den Stars von Bühne und Film auszugehen.

In Kirszenbaums Arbeiten als Karikaturist sind klare Entwicklungen zu erkennen. Zunächst sind seine eigenen Künstlerkreise Ziel eines freundlichen Spotts. Hinzu kommen menschliche Eitelkeiten und Erscheinungen der Mode. Er verfolgt aber auch die Diskussionen um die Stellung der Frau in der Gesellschaft sowie um eine Veränderung des Eherechts. Mehrfach machte er auf das Schicksal der durch die Wirtschaftskrisen in Not geratenen Menschen aufmerksam wie anderseits auch auf die gewissenlosen Geschäftemacher in den Krisen der jungen Demokratie. Kirszenbaums Karikaturen übten Kritik an den Institutionen der Weimarer Republik, an Politikern und dem konservativen Bürgertum. Er nahm Spießigkeit, Doppelmoral, Militarismus und den sittlichen Verfall aufs Korn und sogar Fälle von Bigotterie bei christlichen wie auch bei jüdischen Geistlichen, ohne jedoch den Glauben selbst infrage zu stellen.

 

 

ULK. 56. Jg. / Nr. 21, 26.5.1927, S.159 https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ulk1927/0159
Scharfe Würze

»Wenn oan Preiss’ am Tisch sitzt, brauchst kein Radi zu fressen!«

Auch nachdem die beiden Königreiche Bayern und Preußen 1871 Teil des Deutschen Reiches geworden waren und 1918 an die Stelle von Monarchien demokratisch regierte Länder traten, blieb der Antagonismus zwischen Süd und Nord bestehen. Duwdiwani beschreibt dies mit einer Szene in einem bayerischen Biergarten, wo ein aufgeschnittener, gesalzener Rettich (»Radi«) im Gegensatz zum Norden Deutschlands als eine erstklassige Beilage zur Mass Bier gilt.

Zunehmend aber gerieten demokratiefeindliche rechtskonservative Kreise in sein Visier. Mit dem wachsenden Einfluss des Nationalsozialismus wird auch sein Ton schärfer. Er geißelte die Lügen nationalkonservativer Politiker und die Phrasen der Nazis. Und sein Wechsel von dem liberalen Magazin »ULK« zum kommunistischen »Roten Pfeffer« 1932 ist von einer deutlichen Radikalisierung der Karikaturen Kirszenbaums begleitet. Offensichtlich hatte er erkannt, dass das demokratische System der Weimarer Republik auf seinen Untergang zusteuerte. Seine Hauptziele waren nun die Nationalsozialisten und ihre Unterstützer. Die Abstrusität des Parteiprogramms der NSDAP thematisierte er mehrfach. In spontanen Karikaturen in Briefen an seinen Freund Paul Citroen (1896 – 1983) prangerte er den gegen Ende der Weimarer Republik zu konstatierenden Kulturverfall an wie dann auch bereits vom Pariser Exil aus den Rassenwahn der Nazis, der zehn Jahre später die Ermordung seiner Ehefrau Helma in Auschwitz zur Konsequenz haben sollte.

Die Ausstellung beleuchtet die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge und Hintergründe, die Kirszenbaums zur Anfertigung von Karikaturen veranlassten. Manche Karikaturen erschließen sich auch heute noch auf Anhieb. Bei anderen mit hoher Relevanz sind erklärende Worte unabdingbar. Warum beispielsweise unterstützen ausgerechnet demokratische Kräfte den erzkonservativen Hindenburg 1932 bei der Wahl zum Reichspräsidenten? Um nach Möglichkeit Schlimmeres zu verhindern, nämlich die Wahl eines demokratiefeindlichen Kandidaten der extremen Linken oder Rechten.

Bei der Recherche war immer wieder überraschend, wie aktuell viele seiner Themen geblieben sind. Wenn er das gewissenlose Profitstreben von Sportmanagern anprangert, fühlt man sich sofort an die Diskussionen um die Zuschauerzahlen bei den Spielen der Fußball-Europameisterschaft 2021 unter den Bedingungen der Pandemie erinnert. Die Karikaturen zur Fürstenenteignung aus dem Jahr 1926 und der Rolle »Auwis«, des Kronprinzen August Wilhelm von Preußen (1887 – 1949), als Unterstützer Hitlers erinnert zwangsläufig an die derzeit verhandelten Klagen von Georg Friedrich Prinz von Preußen (geb. 1976) auf Vermögensrückerstattung. Und selbst die Karikatur zur Regierungskrise 1927 wegen einer politisch als untragbar angesehenen Briefmarke mit dem Bild König Friedrichs II. (1712 – 1786) wurde gerade von der Aktualität eingeholt. In Spanien geriet die Post im Sommer 2021 in die Kritik, weil bei einer Kampagne gegen Rassismus angeblich die falschen Farben gewählt wurde: Die hellste Briefmarke (1,60 Euro) hatte einen mehr als doppelt so hohen Wert wie die dunkelste (0,70 Euro).

Von unveränderten Aktualität sind auch Karikaturen zur Stellung der Frau, zu den Diktaten der Mode und zu der Macht von ›Influencern‹, die es auch schon in der Weimarer Republik gab. Es lohnt sich also, sich über dies Ausstellung hinaus mit den Arbeiten Kirszenbaums und anderer Karikaturisten zu beschäftigen und heutige Erscheinungen mithilfe des einen oder anderen kritischen Fingerzeigs aus der meist gar nicht so fernen Vergangenheit kritisch zu reflektieren. An einem verregneten Sonntag beispielsweise ist ein unterhaltsames und anregendes Blättern in zahlreichen Satire-Magazinen am heimischen Bildschirm bei www.arthistoricum.net bequem möglich.

Bernhard Post, Weimar, Juli 2021