»Dann reiss’ ich mir ’ne Wimper aus und stech’ dich damit tot!«

Der Foxtrott-Schlager »Dann reiss’ ich mir ’ne Wimper aus« aus der Bühnenshow »Gruss an alle«, die im Deutschen Theater in München gezeigt wurde, entwickelte sich 1928 zu einem Gassenhauer. Noch im selben Jahr nahmen mehrere Bühnenstars und Orchester das Lied auf Schallplatte auf. Die meisten dieser damals sehr bekannten Künstler mussten wegen ihrer jüdischen Abstammung 1933 emigrieren.

Die »Neue Frau« der Zwanzigerjahre

Der Foxtrott-Schlager »Dann reiss’ ich mir ’ne Wimper aus« aus der Bühnenshow »Gruss an alle«, die im Deutschen Theater in München gezeigt wurde, entwickelte sich 1928 zu einem Gassenhauer. Noch im selben Jahr nahmen mehrere Bühnenstars und Orchester das Lied auf Schallplatte auf. Die meisten dieser damals sehr bekannten Künstler mussten wegen ihrer jüdischen Abstammung 1933 emigrieren.

Das Lied erzählt von einem Professor Nikodemus, der gegen den Rat seines »schönen Fräuleins Meyerbeer« nach Afrika reist und dort »Menschenfressern« in die Hände fällt. Am Marterpfahl bietet ihm dann »Häuptling Zizi Bambula« sein »Fräulein Großmama« als Ehefrau an. Legendär wurde vor allem der Kehrreim:

»Ich reiß’ mir ’ne Wimper aus und stech’ dich damit tot. Dann nehm’ ich einen Lippenstift und mal dich damit rot. Und wenn du dann noch böse bist, weiß ich nur einen Rat: Ich bestelle mir ein Spiegelei und bespritz dich mit Spinat.«

Nach dem »Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit« (LexM) gilt der Schlager heute als erstes »schwules« Lied und Vorreiter einer ganzen Bewegung.

ULK, 57. Jg. / Nr. 50, 14.12.1928, S. 399
Couplet
»Dann reiss’ ich mir ’ne Wimper aus und stech’ dich damit tot!« Wie die Karikatur von Duwdiwani zeigt, wurde das Couplet mit seinem launigen Kehrreim zu einem Gassenhauer, den sogar die Leierkasten-Männer auf der Straße spielten.
Der Revuestar

Max Hansen (eigentlich Max Josef Haller, 1897–1961), geboren in Mannheim, war im Berlin der Weimarer Republik ein Musik- und Schauspielstar und nahm das Lied bei der »Grammophon« auf. Als Kabarettist machte er sich in dem Lied »War’n Sie schon einmal in mich verliebt?« über Hitler lustig und unterstellte ihm homosexuelle Neigungen zu dem jüdischen »Siggi Kohn«, einem Wortführer im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten. Als Hansen wegen seiner jüdischen Abstammung angepöbelt wurde, ging er 1934 nach Wien und von dort aus 1938 nach Dänemark, die Heimat seiner Mutter. Nach der Besetzung Dänemarks durch die Wehrmacht gelang es ihm, sich einen gefälschten »Arierausweis« zu beschaffen. Während er nach dem Krieg in Deutschland und Österreich nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen konnte, erwarb er in Skandinavien große Popularität.

Autogrammkarte, Privatbesitz
Der Opernstar

Max Kuttner (1883–1953), geboren in Baden bei Wien, der es zum Großherzoglich Weimarischen Hof-Opernsänger gebracht hatte, spielte den Titel unter dem Pseudonym »Max Steinert« bei »Electrocord« ein. Er war seit 1928 in zweiter Ehe mit Maria Herkommer verheiratet. Wegen seiner jüdischen Abstammung musste er um 1938 emigrieren, ging nach Shanghai und schloss sich dort der Theatertruppe von Alfred Dreyfuß (1902–1993) an, der Häftling im Konzentrationslager Buchenwald gewesen war. Kuttner und seine Ehefrau kehrten 1947 nach Deutschland zurück und lebten in Straubing/Niederbayern.

Deutsches Schellackplatten- und Grammophonforum e.V.
Foto: Jacob Merkelbach (1877–1942). Wikipedia Commons
Der Kapellmeister

Marek Weber (1888–1964), geboren in Lemberg, trat mit großem Erfolg in den berühmten Berliner Hotels auf und war mit seinem Salonorchester Resident im »Adlon«. Er spielte das Couplet für die »Electrola-Schallplattengesellschaft« ein. Wegen seiner jüdischen Abstammung musste er 1933 in die USA emigrieren und feierte dort große Erfolge als »Waltz King of Radio«.

Kevin Clarke: »Ich reiss’ mir eine Wimper aus und stech’ dich damit tot!« Die Entnazifizierung der NS-Operette zwischen 1945 und 2015. In: Operetta Research Center, 21 June, 2016.
Online: http://operetta-research-center.org/ich-reis-mir-eine-wimper-aus-und-stech-dich-damit-tot-die-entnazifizierung-der-ns-operette-zwischen-1945-und-2015/

Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Hg. von Claudia Maurer Zenck/Peter Petersen/Sophie Fetthauer/Friedrich Geiger, Hamburg: Universität Hamburg seit 2005.
Online: https://www.lexm.uni-hamburg.de

Charles Amberg: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00005419

Max Hansen: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00003107

Max Kuttner: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00003188

Marek Weber: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002828

Josef Niesen: Gib mir den letzten Abschiedskuss. Die Lebensgeschichte des Schlagertexters Charles Amberg (1894–1946) zwischen Aufstieg und KZ-Haft. Bonn 2017.