Jecheskiel David Kirszenbaum
(1900 – 1954)

Der polnisch-französische Künstler mit jüdischen Wurzeln lebte von 1920 bis 1933 in Deutschland. Mit seinen Karikaturen kommentierte er die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Weimarer Republik und deren Zerstörung.

Jecheskiel David Kirszenbaum (1900 – 1954)​

Der polnisch-französische Künstler mit jüdischen Wurzeln lebte von 1920 bis 1933 in Deutschland. Mit seinen Karikaturen kommentierte er die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Weimarer Republik und deren Zerstörung.

1900 Kirszenbaum wird als jüngstes Kind des Rabbis Nathan Majer Kirszenbaum und dessen Ehefrau Alta (geb. Ledermann) in Staszów, einhundert Kilometer nordöstlich von Krakau gelegen, im damals russisch regierten Kongresspolen geboren. Seine Eltern wollen ihn nach dem Tod seiner älteren Brüder ebenfalls zum Rabbiner ausbilden lassen. Doch obwohl Kirszenbaum der jüdischen Religion sein Leben lang eng verbunden bleibt, steht er ihr auch kritisch gegenüber und schließt sich der sozialistisch-zionistischen Hashomer-Hatzair-Jugend an. Das Leben im jüdischen Schtetl (Jiddisch שטעטל ) bleibt ein zentrales Thema seines künstlerischen Schaffens. Von seiner Kindheit an malt und zeichnet Kirszenbaum als künstlerische Dokumentation das Leben der jüdischen Menschen seiner Umgebung. Der Wunsch, in Krakau Kunst zu studieren, scheitert an Kirszenbaums mangelnder Schulbildung wie auch aus finanziellen Gründen.

J. D. Kirszenbaum um 1920
Familienbesitz

1920 Nach der Unabhängigkeit Polens 1918 besteht durch den Ausbruch des Polnisch-Sowjetischen Krieges für ihn die Gefahr, zur polnischen Armee eingezogen zu werden. Die Eltern verkaufen ihren Besitz, um ihm die Flucht nach Deutschland zu finanzieren. Wie rund eine halbe Million Polen seit der Reichsgründung 1871 findet auch Kirszenbaum im Ruhrgebiet Arbeit im Bergbau.

1923 In Duisburg wird der Kunsthistoriker August Hoff (1892–1971) auf den jungen Maler aufmerksam und ermutigt ihn, ein Kunststudium am Staatlichen Bauhaus in Weimar aufzunehmen. Hier besucht er den Vorkurs von Johannes Itten (1888–1967) und belegt Kurse bei Wassily Kandinsky (1866–1944) und Paul Klee (1879–1940). Eine lebenslange Freundschaft verbindet ihn mit seinem Mitstudenten Paul Citroen (1896–1983), der ab 1927 als Fotograf, Maler und Kunstpädagoge in Amsterdam und Den Haag lebt.

Paul Citroen (1896–1983): Porträt seines Weimarer Studienfreundes J. D. Kirszenbaum
Paris 1934, Tuschfeder auf Papier 17,8 x 19,9 cm, Sammlung Paul Citroen © Bauhaus-Archiv Berlin
Lyonel Feininger: »Kathedrale«, 1919
1919, Holzschnitt © Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar

Titelblatt des »Bauhaus-Manifestes«, der Programmschrift des Staatlichen Bauhauses Weimar von Walter Gropius, April 1919.

Märzgefallenen-Denkmal
Paul Wolff: Weimar. Rudolstadt 1923

Nach einem im Auftrag des Gewerkschaftskartells von Walter Gropius gestalteten Entwurf auf dem Historischen Friedhof in Weimar. Enthüllt am 1. Mai 1922 zur Erinnerung an die 1920 beim Kapp-Putsch ums Leben gekommenen Menschen.

J. D. Kirszenbaum: »Trauer«, um 1925
um 1925, Aquarell, 35,5 x 25 cm © Jüdisches Historisches Institut Warschau

1925 Als das Bauhaus wegen der drastischen Mittelkürzungen durch die neue rechtsbürgerliche Landesregierung Thüringens nach Dessau geht, schlägt Kandinsky Kirszenbaum für eine der durch den Umzug freigewordenen Dozentenstellen vor, was aber Walter Gropius (1883–1969) angeblich wegen Kirszenbaums künstlerischer Auffassung des Expressionismus ablehnt. Kirszenbaum lässt sich daraufhin am Bauhaus beurlauben und geht nach Berlin.

Matrikelbuch des Bauhauses
© Stiftung Bauhaus Dessau

Unter der Nummer 61 findet sich zu Kirszenbaum der Eintrag:

»aufnahme vorläuf.[ig] April [19]24 / endgült.[ig] März [19]25 / beurlaubt ab Okt. [19]25/ von der Liste der Studierenden gestrichen 22.4.[19]27«

Ein überlegter stilistischer Ausdruck
Berliner Volks-Zeitung vom 30. April 1927

Besprechung einer Ausstellung Kirszenbaums in der Berliner Galerie »Der Sturm« des Avantgardisten Herwarth Walden (1878 – 1941).

1926 – 1933 In Berlin arbeitet er als freier Künstler und nimmt an verschiedenen Ausstellungen teil. Ab 1926 zeichnet er zum Broterwerb Karikaturen für diverse Satire-Zeitschriften, vor allem für die politisch eher liberal eingestellten Blätter »ULK«, »Jugend«, »Querschnitt« sowie später für den kommunistischen »Roten Pfeffer«. Er benutzt für die Karikaturen das Pseudonym »Duwdiwani« (= hebräisch für »Kirschenbaum«). Seine Karikaturen reichen von harmloser Gesellschaftskritik, Spötteleien über Rechtskonservative und über die NSDAP bis hin zur Kritik an der heimlichen Wiederaufrüstung Deutschlands und zeigen ein Spiegelbild zum Spektrum der aktuellen gesellschaftspolitischen Tagesfragen der Weimarer Republik.

Kirszenbaum tritt der 1928 gegründeten »Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands« (ARBKD), kurz ASSO, bei, der auch George Grosz (1893–1959), John Heartfield (1891–1968) und der Bauhausmeister László Moholy-Nagy (1895–1946) angehören. Die Gruppe nennt sich 1932 um in »Bund revolutionärer bildender Künstler Deutschlands« (BRBKD). Ob Kirszenbaum auch der »Kommunistischen Partei Deutschlands« (KPD) beitritt, ist ungewiss. Der Kulturredakteur und Kunstkritiker der »Roten Fahne«, Alfred Durus (Pseudonym von Alfréd Kemény, 1895–1945), verortet ihn in einer Rezension vom 5. November 1931 in einem »Übergangsstadium zwischen Mystik und Marxismus«. In einem Brief an Citroen vom 16. Oktober 1932 betont Kirszenbaum, »nie mit einer Politischen [sic!] Partei, besonders mit den Kommunisten«, etwas zu tun gehabt zu haben. Kirszenbaum heiratet 1930 Helma Helene Joachim (1904–1944), die als Sekretärin bei der »Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger« (GDBA) tätig ist.

J. D. Kirszenbaum: »Maimonides studierend«, 1925
Familienbesitz

1933 – 1939 Im Frühjahr 1933 versucht Kirszenbaum vergeblich, für sich und seine Ehefrau ein Visum für Amsterdam zu erhalten. Als dies nicht gelingt, emigrieren sie nach Paris. Ihren Besitz und einen Großteil seiner Bilder müssen sie zurücklassen. In Paris kann Kirszenbaum schnell Fuß fassen, schließt sich der »École de Paris«, einer losen Künstlervereinigung, die sich der zeitgenössischen Kunst verpflichtet fühlt. Bald hat er Einzelausstellungen, nimmt aber auch an Sammelausstellungen teil.

J. D. Kirszenbaum: Porträt seiner Ehefrau Helma Helene, um 1945
Gouache, 60 x 50 cm, Familienbesitz

1940 – 1945 Kirszenbaum und seine Ehefrau werden nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs interniert. Das Gesamtwerk seiner künstlerischen Arbeiten seit 1933 (circa 600 Werke) wird von den Nazis vernichtet. Er kommt zunächst in das Lager bei Meslay-du-Maine, östlich von Rennes, und dann in ein Arbeitslager im Dorf Saint-Sauveur bei Bellac im Département Haute-Vienne. Von dort kann Kirszenbaum 1942 fliehen und sich bis zum Kriegsende verstecken. Zwischen 1944 und 1945 lebt er in Limoges, Dorat und Darnac. Seine Ehefrau Helma Helene ist zunächst nördlich der Pyrenäen im Lager Camp de Gurs interniert. Sie wird kurzzeitig entlassen und kehrt nach Paris zurück, wo sie auf ihren Mann wartet. 1943 wird sie abermals verhaftet, über das nahe Paris gelegene Durchgangslager Drancy am 20. Januar 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Querschnitt, 7. Jg. / 1927, H. 3, S. 195
Der Wasserträger

Bereits 1927 erschien im Querschnitt die Jugenderinnerung Kirszenbaums an einen Wasserträger im Schtetl Staszów als Zeichnung. Er griff dieses Thema nach seiner Flucht aus dem Arbeitslager 1942 für ein Gemälde wieder auf.

Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm. © Nachlass Kirszenbaum, Tel Aviv
Brasilianische Impressionen
Familienbesitz

J. D. Kirszenbaum in seinem Atelier in Paris vor dem Bild »Festa de São João in São Paulo«, 1952. Öl auf Leinwand, 117 x 80 cm, heute in »Le Centre national des arts plastiques soutient l’art contemporain depuis 1791«, Paris

1945 Nach Kriegsende lebt Kirszenbaum wieder in Paris und erhält dort Nachricht vom Schicksal seiner Frau. Einen künstlerischen und wirtschaftlichen Neuanfang ermöglicht ihm – wie vielen anderen Künstlern – Baronin Alix der Rothschild (1911–1982). Kirszenbaum beginnt wieder zu malen, und der »Fonds National d‘Art Contemporain« (FNAC) kauft einige seiner Arbeiten.

1948 – 1950 Kirszenbaum reist auf Anraten der Baronin für längere Zeit nach Brasilien und findet in São Paulo Aufnahme bei dem brasilianischen Maler, Grafiker und Bildhauer jüdischen Glaubens, Lasar Segall (1891–1957), einem Mitbegründer der expressionistischen Künstlergruppe »Dresdener Sezession«. Hier, wie auch in Rio de Janeiro stellt Kirszenbaum seine Arbeiten aus. Nach seiner Rückkehr nach Paris 1949 wird Kirszenbaum französischer Staatsbürger. Weitere Reisen nach Marokko und Italien schließen sich an.

1954 Kirszenbaum heiratet Dagna Zoref, geb. Banal (*1909 in Lemberg/Polen), eine Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.
J. D. Kirszenbaum stirbt am 1. August in Paris an einer Krebserkrankung.

Kirszenbaums künstlerisches Gesamtwerk wird häufig im Zusammenhang mit Marc Chagall (1887–1985) diskutiert. Einflüsse des Bauhauses sind in konstruktivistischen und expressionistischen Arbeiten ebenfalls immer wieder zu entdecken. Thematisch im Vordergrund steht das jüdische Leben – Szenen aus dem Schtetl, religiöses Leben, aber auch immer wieder Verfolgung und Vertreibung. Besonders in seinem späten Schaffen findet sich auch das Nebeneinander von christlichen und jüdischen Sujets. Der polnisch-französische Kunstkritiker Waldemar George (Jerzy Waldemar Jarociński, 1893–1970) weist 1951 auf den Dialog im Werk des Malers zwischen Synagoge und Kirche, zwischen Judentum und Christentum, hin.

Die Ausstellung fokussiert auf den Karikaturisten Kirszenbaum als kritischen Zeitzeugen der Weimarer Republik – auf Duwdiwani.

Signatur des Malers J(echeskiel) D(avid) K(irszenbaum)
Der Querschnitt, 6. Jg. / 1926, H. 11, S. 833.
Duwdiwani – Signatur Kirszenbaums als Karikaturist
ULK, 55. Jg. / Nr. 37 vom 17.9.1926, S. 286.

Jecheskiel David Kirszenbaum (1900–1954)
Nathan J. Diament / Caroline Goldberg (Hg.): J. D. Kirszenbaum (1900–1954). The Lost Generation. From Staszów to Paris, via Weimar, Berlin and Rio de Janeiro / La génération perdue. De Staszów à Paris, via Weimar, Berlin et Rio de Janeiro. Paris 2013.

Frédéric Hagen: J. D. Kirszenbaum. Katalog der Rerospektive in der Galerie Karl Flinker. Paris 1961.
Caroline Goldberg-Igra: The Restoration of Loss. Jechezkiel David Kirszenbaum’s Exploration of Personal Displacement. In: Ars Judaica, hg. von der Bar-Ilan University, Faculty of Jewish Studies, Department of Jewish Art, Nr. 10/2014, S. 69–92.

J. D. Kirszenbaum (1900–1954). Retrospektiva/Retrospective. Ausstellungskatalog Muzej Mimara/The Mimara Museum. Zagreb 2018.

Yechezkel Kirszenbaum: Childhood and Youth in Staszów. In: »Life Chapters of a Jewish Artist«. Übersetzt von Leonard Levin. Original in Hebräisch in: Sefer Staszów (The Staszów Book), hg. von Elhanan Erlich. Tel Aviv 1962, S. 221–229. Übersetzt: Staszów Memorial Book – Translation of Sefer Staszów
(The Staszów Book). New York 2020.
Online: https://www.jewishgen.org/yizkor/staszow/sta221.html

Johanna Linsler: Jesekiel David Kirszenbaum, entre aspiration révolutionaire et mémoire du shtetl. / Jesekiel David Kirszenbaum, zwischen revolutionärem Streben und Erinnerungen an das Schtetl. In: Anne Grynberg / Johanna Linsler: L’Irréparable. Itinéraires d’artistes et d’amateurs d’art juifs, réfugiés du »Troisième Reich« en France / Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem »Dritten Reich« in Frankreich. Hg. von der Koordinierungsstelle Magdeburg. Magdeburg 2013, S. 265–289/290–314.

Nadine Nieszawer / Deborah Princ und andere (Hg.): Artistes juifs de l’École de Paris 1905–1939 / Jewish Artists of the School of Paris. Paris 2015, S. 177 f./428 f.
Online: http://ecoledeparis.org/wp-content/uploads/2018/12/1.pdf

Pawel Skowron: Jesekiel Dawid Kirszenbaum i Jan Skowron. Malarze ze Staszowa. (Maler aus Staszów). Kielce 2020.

Homepage J. D. Kirszenbaum. Online: https://www.kirszenbaum.com/

Jesekiel David Kirszenbaum (1900–1954) – Ein Bauhaus-Schüler. Ausstellung der Porta Polonica in Solingen 2019.
Online: https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/jesekiel-david-kirszenbaum-1900-1954-ein-bauhaus-schueler

A Tribute to Painter J. D. Kirszenbaum. Willy Brandt Center Jerusalem 2019.
Online: https://www.youtube.com/watch?v=JsUXlvHp06I